


Predigt zu EG 511 – Eröffnung der Ausstellung:
Getauft, ausgestoßen – und vergessen? Evangelische jüdischer Herkunft
in Frankfurt am Main 1933-45
Liebe Gemeinde, ein etwas ungewöhnliches Lied haben wir da eben gesungen – wir singen es nicht so oft in unseren Gottesdiensten. Sie, liebe Familie H., haben sich dieses Lied gewünscht. Weil A. gern singt. Weil sie dieses Lied kennt – und weil Sie es mit A. singen wollen, auch um ihr ein Stück deutlich zu machen, was ihre Taufe für sie heißt – in Worten und Bildern, die A. versteht.
Deshalb möchte ich diesem Lied noch einmal nachdenken – im Blick auf die Taufe. Denn die Taufe steht heute ja nicht nur im Zentrum dieses Gottesdienstes, weil wir A. getauft haben, sondern auch im Blick auf die Ausstellung, die wir nachher eröffnen werden.
Weißt du, wie viel Sternlein stehen: Das Lied spannt einen weiten Bogen. Von der weiten Welt, vom gesamten Universum hin zu den kleinsten Geschöpfen und dann hin zu uns Menschen. Alles hat Gott geschaffen – und dann nicht nur dahingestellt und sich selbst überlassen, sondern noch immer kennt und begleitet er all seine Geschöpfe. Jedes Steinchen, jeder Stern, jedes noch so kleine Lebewesen, ist einzigartig, von Gott genau so gewollt. So bekennt es das Lied – und das tut es, nicht etwa um jetzt die Einzigartigkeit der kleinen Mücke zu illustrieren, die ich im Sommer erschlage, weil sie mich sticht, sondern um die unfassbare Größe Gottes zu preisen, der in der Lage ist, das alles liebend im Blick zu haben.
Vielleicht wird A. Sie auch eines Tages fragen: Wie macht er denn das? Kann er das eigentlich?
Und dieser unfassbar große Gott, so hören wir es dann in der letzten Strophe, wendet sich jedem Einzelnen in Liebe zu, jedem neugeborenen Kind, egal wo auf der Welt, egal aus welchem Volk – egal welcher Konfession und Religion; Gott im Himmel, so hat es der Dichter Wilhelm Hey wohl gemeint, Gott im Himmel hat für sie alle eine Kinderzeit im Sinn, in der sie früh aus ihren Betten aufstehen und ohne Sorg und Mühe durch ihren Tag gehen dürfen, er hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen – und nur weil das so ist, gilt es auch im Besonderen: Kennt auch Dich und hat dich lieb – kennt auch jede und jeden von uns, und hat uns lieb, auch wenn die Zeit, in der wir sorglos aus unseren Betten aufstehen, vielleicht lange schon hinter uns liegt.
Und in dieser Beschreibung des großen und liebenden Gottes verwendet Wilhelm Hey dann tatsächlich jene Redewendungen, die uns und vielen Eltern im Blick auf die Taufe wichtig sind. Er kennt uns mit Namen. Er hat Freude an uns. Er hat uns lieb. Wer, sofern wir denn an Gott glauben, wer wünschte das nicht für sich?
Eltern, die uns Kinder zur Taufe bringen, verbinden diese Hoffnung oft mit der Taufe. Nicht, weil sie glauben, dass uns das Getauft sein vor allem Schrecklichen dieser Welt und dieses Lebens bewahren wird; Taufe wirkt ja nicht wie eine magische Wunderkraft, sondern weil sie, weil wir hoffen, dass dieses Ja Gottes, das uns in der Taufe zugesprochen wird, so mit Gott verbindet, dass wir gewiss sein dürfen: Er wird durch all die Widrigkeiten unseres Lebens, durch Höhen und Tiefen, mit uns gehen, uns im Auge haben, unsere Not sehen. Und wir werden so mit ihm verbunden sein, dass uns letztlich selbst der Tod nichts anhaben kann, weil er ihn durch Jesus Christus überwunden hat. Also: Mit der Taufe ist das ewige Leben in uns angelegt. „Da ist einer, der auf uns wartet“, so haben Sie, liebe Frau H., es ausgedrückt. Das nimmt uns zwar nicht die täglichen Ängste und Sorgen – aber vielleicht doch ein Stück der letzten Angst. Und es gibt uns die Zuversicht, die ja auch Jesus mit der Taufe verbindet: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Und in dieser Hoffnung haben zu allen Zeiten Menschen ihre Kinder taufen lassen. Auch in unserer Gemeinde.
Variation zu; Weißt du wieviel Sternlein stehen
Ein Gedanke des Liedes findet sich auch in einem der zentralen Bibeltexte, die sich mit der Taufe beschäftigen: Ich lese aus Gal. 3,26-29. Dort schreibt Paulus:
Wer getauft ist, sagt Paulus, hat Christus angezogen. Dahinter steht das alte orientalische Verständnis, dass das Kleid eines Menschen unlösbar zu ihm gehört, sein Wesen und seine Bedeutung gleichsam sichtbar werden lässt. So wird einem Menschen bei der Taufe nicht nur die Liebe Gottes zugesprochen, sondern es wird an ihm auch sichtbar gemacht: Jetzt bin ich durch Christus bestimmt. Jetzt bin ich – in gewisser Weise – ein neuer Mensch geworden. Christi Zusage; Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, diese Zusage hüllt mich ein wie ein Gewand. Weil er gestorben und auferstanden ist, deshalb wird der Tod auch mein Leben einst nicht zerstören können, wenn ich mit ihm verbunden bin.
Aber genau daran wird noch ein weiterer Aspekt unserer Taufe sichtbar, der sich aus dieser Zusage unmittelbar ergibt. Alle, die getauft sind, haben Christus angezogen. Und damit sind sie – in ihrer Zugehörigkeit zu Jesus Christus – alle gleichwertig und gleich geachtet. Hier ist nicht Jude noch Grieche. Hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, sondern sie sind alle eins in Jesus Christus. Wie sagt es unser Lied: Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen.
Für die Menschen in der Urkirche war das ganz wichtig. Sie waren in noch ganz anderem Maß als wir heute durch ihre Herkunft und auch durch ihr religiöses Herkommen voneinander getrennt. Sklaven und Freie begegneten sich nicht gleichwertig, Mann und Frau auch nicht. Da gab es klare Hierarchien. Befehlsgeber und Befehlsempfänger. Aber in der Gemeinde, am Tisch des Herrn, da waren sie plötzlich gleichwertig. Gleich geachtet. Ebenso Juden und Heiden. Die einen aus dem alten, erwählten Volk Gottes, die anderen als die Neu Dazugekommenen. Auch das spielte keine Rolle mehr. Die Unterschiede des alten Menschen, die seine soziale Stellung, sein Ansehen in der Gesellschaft, seine Macht beschreiben, die Unterschiede, die wir Menschen zur Durchsetzung unserer eigenen Interessen so gern gebrauchen, sie zählen nicht mehr. Was zählt, ist allein die Gemeinschaft der Glieder am Leib Jesu Christi, von der es heißt: Und wenn ein Glied leidet, so leiden die anderen Glieder mit.
Und auch das ist ein wichtiger Aspekt der Taufe. Für die Menschen zur Zeit des Paulus, da hatte die Begleitung in Not und Gefahr nicht nur den Aspekt des Glaubens: Gott sieht auf uns und er ist bei uns. Nein, die Menschen damals haben das auch ganz hautnah erfahren. In der ganz elementaren Not: In der Gemeinde gab es zumindest für jeden zu essen. Aber auch in der Situation der Verfolgung, der die Christinnen und Christen damals ausgesetzt waren. Taufe bedeutet: Ich bin nicht allein gelassen. Mit meiner Taufe übernimmt die Gemeinde auch die Verantwortung, dass ich nicht sozial und rechtlich vor die Hunde gehe. Dass ich mit meiner Not nicht allein gelassen bin. Dass ich Schutz finde in der Bedrängnis. Einer steht für den anderen ein. Wenn einer leidet, dann leidet die ganze Gemeinschaft mit.
Wie ist das eigentlich heute? In unserer reformierten Tradition ist diese Gemeindeverantwortung ja immer ganz wichtig gewesen. In den bedrohten Flüchtlingsgemeinden. Da bedeutete die Gemeinschaft auch: Geschützt sein, Aufgehoben sein. Auch da hat die Liebe Gottes in der Fürsorge der Gemeinde Gestalt angenommen. Und bis heute stellen wir deshalb bei der Taufe die Frage an die Gemeinde: Wollt ihr mit dazu beitragen, dass dieses Kind mit uns glauben, hoffen und lieben lernt. Noch deutlicher machen das die älteren reformierten Taufvermahnungen – eine davon finden wir auch auf der Ausstellungstafel unserer Gemeinde:
Unser Herr bestätigt uns durch die Taufe, dass wir zu ihm gehören. Als Glieder seines Leibes stehen wir gemeinsam im Dienst unseres Hauptes, Jesus Christus. Als seine Glieder tragen wir füreinander Verantwortung. Darum gilt uns allen die Mahnung des Apostels: Jeder von uns lebe so, dass er seinem Nächsten zum Guten und zur Erbauung dient....
Gott schenke uns, dass keiner den andern zurücklässt, sondern dass wir miteinander den guten Kampf kämpfen und die Krone des Lebens erringen. Und der Herr wird euch stärken und vor dem Bösen bewahren.
Weißt du wieviel Sternlein stehen..
Ich habe in diesen Gottesdienst ein altes Taufbuch unserer Gemeinde mitgebracht und ich lese darin einmal die Namen einiger Kinder nach. Es ist ein Taufbuch aus dem Jahr 1933. Dort lese ich einen Eintrag; 17. Ernst Eberhardt Billermeyer, Mutter evangelisch, Vater: israelitisch. Eine Seite dahinter sein Bruder Rudolf. 17. Januar, ein paar Tage vor der Machtergreifung Hitlers. Ein paar Seiten weiter, Ende April, inzwischen ist das Ermächtigungsgesetz erlassen, ein weiterer Taufeintrag: Heinrich Helmut Nehm, beide Eltern israelitisch, dann Helmut Alfred Palfi, dann Hildegard Josefsohn. Wir könnten weiter lesen, und würden weiter finden unter den Kindern unserer Gemeinde auch einige Kinder jüdischer Eltern, in unserer Gemeinde ganz selbstverständlich zur Taufe gebracht, uns anvertraut worden sind, wie uns eben Kinder bei der Taufe anvertraut werden. Wie es schon vorher war: Mile Brach und Elisabeth Neumann, wie es später weiter ging: Ein paar Jahre später dann Ernst und Peter Cahn.
1933 waren es aber besonders viele Kinder. Deren Eltern ihre Kinder – wie es Paulus schreibt – mit Jesus Christus verbunden wissen wollten. Mit Jesus Christus, der ja selbst Jude war, wie sie. Eltern, die oft ein sehr tiefes Gespür dafür hatten, was die Taufe, in all ihren theologischen Facetten, für das Leben ihrer Kinder bedeuten sollte. Eltern, die sich in ganz besonderer Weise danach sehnten, dass Gott vor dem heraufziehenden Grauen seine schützende Hand über diese kleinen Menschen halten und sie bewahren möge. Eltern, die mit der Taufe ihrer Kinder auch ihre Hoffnung zum Ausdruck brachten, die Kirche, diejenigen, die sich zu Jesus Christus als ihrem Herrn bekennen, würden ihre Kinder vor diesem Grauen schützen können, oder wenigstens gegen ihre Ausgrenzung protestieren. Vergeblich.
Und wenn wir heute, in diesem Gottesdienst und mit unserer Ausstellung, die wir nachher eröffnen, an diese Kinder und ihr Geschick denken, dann tun wir es nicht nur im Gedenken an ihr unendliches Leid, dass unser Volk über sie gebracht hat, sondern wir tun es heute auch im Blick auf die Frage, was das denn für unsere Kirche bedeutet hat und was es für unser Verständnis von Taufe und Gemeinde heißt. Denn genau an diesen Kindern wird noch einmal deutlich, wie eng Taufe und Gemeinde zusammengehören. Wir haben als Gemeinde diese Kinder getauft. Aber diese Taufe blieb ohne Folgen. Sie blieb ohne Folgen für uns als Gemeinde – und deshalb blieb sie auch ohne Folgen für die getauften Kinder. Weil wir diese Kinder nicht gestärkt und vor dem Bösen bewahrt haben, deshalb lief die Verheißung Gottes ins Leere.
Wir wissen: Ein Mensch kann seine Taufe vergessen oder geringschätzen. Aber auch die Kirche, auch eine Gemeinde, kann ihre Taufe vergessen und verraten. Wenn wir unsere Verantwortung als Gemeinde Jesu Christi nicht ernst nehmen. Wenn wir das, was draußen, in der Welt und der Gesellschaft gilt, höher setzt als unsere eigenen Werte. Wenn wir die Menschen, die zu uns kommen, nicht als geliebte Kinder Gottes sehen, sondern nach gesellschaftlichen Maßstäben urteilen. In der NS-Zeit ging das so weit, dass eine menschenverachtende und verbrecherische Ideologie unser Leben vielfach auch in der Kirche geprägt hat.
Und heute? Heute kommen andere, die unsere Gemeinschaft und unseren Schutz suchen: Verfolgte, Asylsuchende, heute kommen Arme und Menschen, mit queren, gebrochenen Lebensläufen, und auch heute kommen gesellschaftlich Geächtete... und viele davon sind getauft wie wir. Und viele sind auch nicht getauft. Aber das heißt nicht, dass die Gemeinschaft mit ihnen und die Verantwortung für sie an der Taufe halt macht. Sind doch in unserer Zeit und Gesellschaft die Grenzen zwischen Kirche und Welt längst zerflossen – wie sollten wir da nicht zu denken wagen, dass der Leib Christi auch Menschen umschließt, die – noch – nicht um ihre Zugehörigkeit wissen. Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen. Das ist jedem von uns zusgesagt – aber es ist uns auch aufgegeben, das so zu leben und damit ernst zu machen. Das sichtbar zu machen. In unserem Leben wie auch im Leben unserer Gemeinde. Auch das wollen wir aus diesem Taufgottesdienst mitnehmen, amen.