Predigt vom 3.2.2019

Dr.Susanne Bei der Wieden

1. Kor. 1, 4-9: Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: Ich danke euretwegen meinem Gott allezeit für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus gegeben worden ist. In ihm seid ihr reich geworden an allem: reich an Wort und Erkenntnis aller Art. Denn das Zeugnis von Christus ist bei euch so fest verankert, dass es euch an keiner Gabe mangelt, solange ihr auf die Offenbarung unsere Herrn Jesus Christus wartet, Er wird euch auch Festigkeit geben bis zum Ende, und kein Tadel wird euch treffen am Tage unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist Gott, durch den ihr berufen wurdet in die Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.

Was macht eigentlich eine Gemeinde aus? Liebe Gemeinde, das ist die Frage, die ich hinter unserem Predigttext heute lese. Es ist ja ein ganz wunderbarer Text. Von Gnade ist die Rede. Und von der Treue Gottes. Von Fülle und Reichtum, von Gaben, an denen kein Mangel herrscht und einer Predigt, die die Gemeinde stärkt. Alles ist ganz wunderbar – das einzige, was noch fehlt, ist die endgültige Offenbarung Jesu Christi, auf die die Gemeinde noch warten muss. Großartig.

Was muss das für eine tolle Gemeinde gewesen sein, da in Korinth!

Lesen wir dann den Korintherbrief weiter, dann verfliegt dieser Eindruck allerdings recht schnell. Gleich einen Vers weiter schreibt Paulus: Ich ermahne euch, dass ihr alle mit einer Stimme redet und keinen Streit unter euch zulasst, denn ich habe gehört, dass ihr dabei seid, in mehrere Parteien zu zerfallen… Ups… Und dann lesen wir weiter von Machtkämpfen in der Gemeindeleitung, von der Arroganz einer Gruppierung von Gemeindegliedern, die meinen, sie seien die besseren Christen, wir lesen von Gemeindemitgliedern, die gegeneinander vors Gericht ziehen, von unehelichen Verhältnissen, von Auseinandersetzungen darüber, ob man als Christ vielleicht vegetarisch leben sollte… Und am Ende, da zucken wir seufzend die Schultern. Wird wohl auch nur mit Wasser gekocht, da in Korinth. Wie überall unter Menschen.

Und dann bleibt eine gewisse Ratlosigkeit. Wie verhält sich denn dieses großartige Bild, das Paulus in unserem Predigttext zeichnet, zu dieser menschlichen, gemeindlichen Wirklichkeit? Ist das eine der Wunsch und das andere die Realität – oder redet Paulus hier von einer geistlichen Wirklichkeit und da von einem irdischen Sein? Oder stimmt das doch vielleicht beides? Wie zwei Seiten einer Medaille?

Es ist ja nicht nur in Korinth so und nicht nur vor 2000 Jahren. Bis heute, bis hier ringt doch fast jede Gemeinde, jede Kirche mit der Frage: Wie geht das eigentlich zusammen? Das, was wir von Christus her, von Gott her sind – nicht sein sollen, sondern tatsächlich: Sind – und dem, wie wir als Gemeinde leben, wie das, was wir eigentlich sind, unter uns auch sichtbar und spürbar wird.

Was macht uns als Gemeinde eigentlich aus? Ich nehme die Eingangsfrage der Predigt wieder auf und beziehe sie ganz direkt auf uns, ebenso wie den Predigttext.

V 4-6 lesen. Liebe Gemeinde, das ist ein starkes Signal. Nicht nur vom Inhalt her, sondern überhaupt von der Herangehensweise. Bevor Paulus überhaupt auf das ganze irdische Sein mit seinen Fragen und Konflikten schaut, sieht er das Wesen seiner Gemeinde an und sagt: Danke. Danke Gott, dass es diese Gemeinde in Korinth gibt. Für uns: Danke Gott, dass es diese evangelisch reformierte Gemeinde in Frankfurt gibt. Dass Gott hier Menschen, uns, seine Gnade gibt. Dass wir hier sein Wort gepredigt kriegen. Und dass wir das, was uns da verkündigt wird, auch erkennen und glauben und darin Trost finden.

Das ist eine völlig andere Blickweise als die, mit der wir sonst auf Gemeinden und auf die Kirche überhaupt schauen. Wenn wir uns mit der Zukunft der Gemeinde befassen – oder auch der Kirche, dann fragen wir erst mal: Wie viele Mitglieder hat denn die Gemeinde? Und wie hat sich diese Zahl in den letzten Jahren oder Jahrzehnten entwickelt? Wie viele Pfarrstellen gibt es denn und wie viele brauchen wir noch? Was gibt es denn für Gruppen und Kreise und Veranstaltungen – und dann die gaaanz wichtige Frage: Können wir mal den Haushalt anschauen? Das Vermögen? Auch damit geht es noch nicht um das Gemeindeleben, das Miteinander, um mögliche Konfliktlinien. Das wäre bei uns, wie bei Paulus auch, erst der zweite Schritt.

Wir schauen, genau wie Paulus, erst mal auf die Ressourcen. Aber, anders als bei Paulus, fragen wir dabei sehr schnell nicht mehr nach den geistlichen Ressourcen, sondern nach den irdischen Schätzen. Die sind ja auch nicht unwichtig. Trotzdem möchte ich heute Morgen einmal diesen starken Weg des Paulus mitgehen:  Danke Gott, dass es diese evangelisch reformierte Gemeinde hier in Frankfurt gibt. Dass Du Gott hier uns Menschen deine Gnade gibst. Dass uns hier dein Wort gepredigt wird. Und dass wir das, was uns da verkündigt wird, auch erkennen und glauben und darin Trost finden und darin innerlich reich werden.

Was heißt das? Liebe Gemeinde, das heißt: Es gibt hier die Möglichkeit für uns zu erfahren, dass wir geliebt und angenommen sind so wie wir sind. Bedingungslos. Jede und jeder. Das ist uns in der Taufe schon von Gott her zugesagt, aber da haben wir das ja noch nicht gehört. So, dass es in unser Herz dringt. Das zu hören, das zu erfahren, das ist das Wesen von Gemeinde. Wenn das in einer Gemeinde nicht passiert, dann brauchen wir sie nicht.

Menschen können kommen mit der Last ihres Lebens, wir können kommen mit der Last unseres Lebens und diese Last vor Gott legen. Zumindest einmal jeden Sonntag im Gottesdienst. Und wir tragen alle an irgendetwas. Ob das der Frust ist über die berufliche Situation, ob das die Sorge ist um einen lieben Angehörigen oder die eigene Krankheit, ob das die Scham darüber ist, etwas falsch gemacht, etwas versiebt zu haben, das Gesicht verloren zu haben, ob das die tiefe innere Einsamkeit ist, oder das Gefühl, dass unser Leben hier eigentlich an dem vorbei geht, was Leben sein könnte, die Entfremdung von einem ehemaligen Freund oder Freundin – was auch immer.

Das meiste davon wollen wir ja gern ganz tief in uns einschließen. Da darf keiner dran rühren, sonst wird es ja immer schlimmer. Hier ist der Ort, wo wir uns dem stellen können. Still, im Angesicht Gottes. Wo wir dem nachspüren können und den Schmerz aushalten können, weil er von Gottes liebevollem Wort umschlossen wird: Ja, es ist nicht gut. Trotzdem bist und bleibst du mein geliebtes Kind, der Mensch, den ich geschaffen und gewollt habe, der Mensch, zu dem ich weiterhin stehe. Ja, hier ist der Ort, an dem Gott uns wenigstens für einen Moment die Last von den Schultern nehmen will, uns frei machen will, wieder auch auf andere Seiten unseres Lebens zu sehen. Das ist das, was Paulus mit Gnade meint. Und Orte, wo das möglich ist, die gibt es nicht viele. Das sind echte Geschenke. Hier ist so ein Ort.

Das ist aber nicht alles. Dieses tröstliche Wort Gottes, das uns die Lasten von unseren Schultern nimmt, das sagt uns noch mehr. Und auch das gehört wesensmäßig zur Gemeinde, so jedenfalls meint das Paulus. Gott sagt uns hier nicht nur: Ich nehme dich bedingungslos an, sondern er sagt auch: Ich habe dir Gaben gegeben und Begabungen. Euch allen. Ganz verschiedene. Jedem und jeder welche. Ihr habt keinen Mangel an irgendeiner Gabe, schreibt Paulus. Eine Wuppertaler Nachbargemeinde machte in der Zeit, in der ich in Wuppertal war, jedes Jahr ein Gabenwochenende. Das bereiteten sie vor mit Künstlern und Wirtschaftsleuten und einem sehr kreativen Jugendreferenten, da konnten dann immer so 30 Leute mitfahren und am Ende sollte jede und jeder sich an den Begabungen freuen, die er oder sie hatte und mindestens eine Begabung an sich entdeckt haben, die er oder sie zuvor nicht kannte.

Die Teilnahme an diesen Wochenenden waren heiß begehrt. Am Ende haben die Teilnehmer dann dann ein breites Tableau aufgelegt – schaut mal, was wir hier für eine Fülle an unterschiedlichen Fähigkeiten versammeln können, an nur einem Wochenende. Und ganz am Ende stand dann immer die Frage: Und – kannst du dir vorstellen, diese Gabe irgendwo für andere Menschen nutzbar zu machen – vielleicht auch für unsere Gemeinde – na ja, das wurde dann nicht immer ganz so verwirklicht…

Aber was mir daran sehr imponiert hat, das war, dass diese Gemeinde nicht wie alle anderen dahin gegangen ist und gesagt hat: Wir brauchen – also wir brauchen Leute, die mit Geld und Zahlen umgehen können als Ökonomen, und dann brauchen wir einen Helferkreis für das Sommerfest, Leute, die Kuchen backen also, und dann brauchen wir Leute für dies und das – nein. Diese Gemeinde hat gefragt: Was könnt ihr? Und dann haben sie das erst mal zusammengelegt und gesagt: Schaut mal, was wir können… Ich wäre mal neugierig so einen Strauß zusammenzusehen von dem, was wir alles können – einen tatsächlichen, ohne gleich die Angst: Wenn ich sage, ich kann gut mit Kindern umgehen, dann muss ich hier morgen Kindergottesdienst machen…

Aber das ist der Reichtum und die Fülle von Gemeinde: Menschen, die von ihren Lasten befreit sich an ihren Gaben freuen. Und dies im Gottesdienst feiern.

Und – auch das gehört wesensmäßig zur Gemeinde: Wir haben hier die Möglichkeit unser Leben unter den Segen Gottes zu stellen. Nicht nur jeden Sonntag. Da geschieht das ja immer wieder. Der Zuspruch einer Stärkung für die Woche. Für das, was uns bevorsteht. Umfragen zufolge gibt es Menschen, die gehen nur oder insbesondere für diesen Segen zum Gottesdienst. Aber diesen Segen sprechen wir ja eben nicht nur jeden Sonntag zu, sondern immer wieder Menschen in besonderen Lebenssituationen. Einem Kind bei der Taufe. Den Jugendlichen bei der Konfirmation. Einem Brautpaar am Beginn des gemeinsamen Weges. Wir sprechen den Segen über Sterbenden und an den Gräbern – und wer kommt und für irgendwas gesegnet werden möchte, der kann diesen Segen zugesprochen bekommen. Oft ist das damit verbunden, dass wir füreinander oder für den oder die andere beten.

Und schließlich: Wir haben die Predigt. Die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Bei uns geben Menschen einander Zeugnis von der Hoffnung darauf, dass der Tod nicht das letzte Wort hat in unserem Leben und in unserer Welt. Und wir dürfen das hören. Unser Leben wird nicht mit dem Tod enden. Auch das Leben unserer Lieben nicht. Wir müssen den Tod nicht fürchten. Aber auch der Tod in dieser Welt wird nicht das letzte Wort haben. Gott wird die zur Rechenschaft ziehen, die dem Tod dienen. Die diese Erde zerstören, die in Kauf nehmen, dass Dämme brechen und Giftschlamm ganze Landschaften verwüsten, wird die zur Rechenschaft ziehen, die Menschen für Hungerlöhne in Coltanminen schuften lassen, die friedliche Landstriche mit Krieg überziehen. Er wird sich der Elenden erbarmen.

Ja, dieses steile Wort von Gottes Willen, von seinem Reich, von seinem Gebot – auch dessen Verkündigung gehört zum Wesen einer Gemeinde.

Liebe Gemeinde, und all das sind Gaben, sind Grundlagen, die sich nicht in Zahlen fassen lassen. Die sich nicht messen und bemessen lassen. Die sich nicht verrechnen und verrechtlichen lassen und die doch ganz wesentlich für das Leben einer Gemeinde sind. Wo das alles geschieht, da lebt Gemeinde, da lebt sie unabhängig von ihrem Vermögen und ihrer Bildung und was auch immer sie sonst noch haben mag.

Was macht eigentlich eine Gemeinde aus? Liebe Gemeinde, dass wir diese Schätze entdecken und nutzen, die Gnade, angenommen zu sein, so wie wir sind. Die Freude, begabt zu sein. Die Kraft des Segens und die Hoffnung auf eine neue, bessere Welt - dass wir das erfahren und anderen Menschen davon erzählen, davon lebt Gemeinde.

Und davon lebt sie auch, wenn wir uns nicht in allen Dingen einig sind. Wenn wir immer wieder auch versagen. Wenn wir uns vielleicht auch allzu gern an uns selbst genügen und unserer Bequemlichkeit – daran müssen wir arbeiten. Es gibt immer vieles, was besser sein oder noch besser werden kann. Aber das wird Gemeinde nicht zerstören, wenn wir uns an ihrem tiefen Wesen freuen und dafür dankbar sind. Das können wir von Paulus lernen und vielleicht heute morgen mitnehmen, amen.

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