Predigt zum Sonntag Septuagesimä 2019

Dr.Susanne Bei der Wieden

Es gilt das gesprochene Wort

Text: Prediger 7, 15-18

(15) Das alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. (16) Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. (17) Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. (18) Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt, denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Liebe Gemeinde, mit dem Glauben beschäftigen wir uns heute im KU. Und um den Glauben geht es auch in unserem heutigen Predigttext – oder sagen wir besser, um einen Aspekt des Glaubens. Ich lese aus Pred. 7, 15-18.

Liebe Gemeinde, sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Was ist das denn für ein Satz? Und das in der Bibel. Er mag ja schlau sein – eine gewisse Lebensweisheit transportieren so in der Art: Man muss jönne könne, wie der Kölsche sagt. Aber eigentlich würden wir in der Bibel doch etwas anderes erwarten. Gott liebt die Gerechtigkeit, so lesen wir es in der Torah, den 5 Mosebüchern, immer wieder. Die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die werden von Jesus selig gepriesen, das haben wir heute in der Lesung gehört. Und dann sowas. Mach es dir nicht so schwer. Sei bloß ja kein Superfrommer. Also – Gott einen guten Mann sein lassen und das Leben genießen, dabei nicht allzu gottlos sein, das steht ja auch noch in diesem Text – ist das ein Lebensprinzip?

Oder – ist das doch ein bisschen anders gemeint? Wie immer, wir müssen genau hinsehen. Da redet ja einer, der nimmt von sich in Anspruch, viel Lebenserfahrung zu haben. All dies habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen – also meines vergänglichen Lebens. Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit – und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. So sieht es der Prediger, der hier spricht. Und vermutlich denkt er dasselbe was wir dazu denken: Das ist doch unfair. Das ist einfach nicht gerecht so. Und im Nachsatz: Das kann Gott doch so nicht wollen – und vor allem: Das kann er doch nicht zulassen.

Liebe Gemeinde, damit sind wir schon beim Kern. Beim Kern dieses Textes – und beim Kern auch fast jeder Diskussion, in der es um den Glauben geht. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass wir genau da stehen bleiben, wo der Prediger gerade steht. Wie kann das sein? Da halten sich Diktatoren an der Macht, Leute, die gegen ihr eigenes Volk mit Chemiewaffen vorgehen wie Assad in Syrien, Leute, die ihr eigenes Land und die Menschen ausverkaufen an Großkonzerne wie Kabila im Kongo, über Jahre und Jahrzehnte geht es ihnen und ihren Schergen gut, und die, die den Mund aufmachen, die eintreten für Veränderung, für mehr Menschenrechte, für mehr Demokratie, für Umweltschutz, die werden ins Gefängnis geworfen, gefoltert, getötet… Wie kann das gehen? Da roden Konzerne den Regenwald und pflanzen Palmölplantagen an und die Stämme, die vom Urwald leben, die haben plötzlich keinen Lebensraum mehr. Wie kann das sein? Da werden über Jahre und Jahrzehnte Kinder missbraucht und die Verantwortlichen wissen es und schweigen … ich könnte jetzt noch ganz lange weiter reden. Weltweit. Überall erleben wir es, kleine oder größere oder himmelschreiende Ungerechtigkeit – und Gott lässt das zu. Für ganz viele ist das die größte Glaubensanfechtung.

Und dann – ist es wirklich weise, wenn der Prediger dann sagt: Na ja, seid mal nicht zu gerecht, sonst geht ihr zugrunde? Klingt das nicht eher wie ein Hohn, wenn wir es aus dieser Warte betrachten?

Zwei Dinge scheinen mir wichtig. Das erste: Der Prediger, der hier spricht, sieht die Ungerechtigkeit der Welt durchaus. Er hat sie ein Leben lang gesehen, und er hat sich vermutlich wie wir auch darüber aufgeregt. Aber: Es hindert ihn nicht daran zu glauben. Für ihn steht und fällt die Frage nach Gott nicht mit der Frage danach, ob Gott gerecht ist oder fair, warum er dies oder jenes zulässt. Interessanterweise ordnet der Prediger diese Frage nicht Gott zu, sondern der Welt. Und er nimmt sie hin. So ist die Welt. So ist ihr Wesen. Immerhin ist es ja nicht Gott, der sie so gestaltet, sondern es sind Menschen. Es gibt Gerechte und es gibt Gottlose, das sind im übrigen nicht die Menschen, die nicht an Gott glauben, sondern es sind die Menschen, die bösartig sind. Die Böses tun.

Und das sind auch die, die für das Unrecht verantwortlich sind. Der Prediger belässt die Schuld und die Verantwortung für das Unrecht der Welt bei ihnen und macht nicht Gott dafür verantwortlich. Und vielleicht sollten wir auch nicht so schnell bei der Hand sein, immer gleich zu fragen: Warum lässt Gott das zu? Wir lassen es doch auch zu. Und wie viel Leid und Elend der Welt geht von Menschen aus? Vielleicht nicht die Seebeben vor Indonesien. Aber die Kriege, die Ausbeutung, manch eine Naturkatastrophe – die ist menschengemacht und nicht Gottes Werk. Ich komme darauf gleich noch mal zurück.

Vorher noch ein zweites: Der Prediger sieht die Ungerechtigkeit der Welt und er sieht die Gerechten leiden. Ist das eigentlich tatsächlich so? Dass die Gerechten, dass die, die sich für eine Veränderung der Verhältnisse, für bessere Lebensbedingungen einsetzen, dass die tatsächlich und immer leiden? Muss das so sein? Es gibt doch auch viele, die sich engagieren, und die nicht leiden. Die sich an den kleinen Erfolgen freuen. Die Frau zum Beispiel, die so tapfer mit Petitionen im Internet dafür kämpft und wirbt, dass das Gemüse, also die Gurken oder Auberginen, bei REWE nicht einzeln in Plastikfolie gezogen werden. Und die wenigstens kleine Erfolge verzeichnet. Oder Ärzte, die ihre Urlaubszeiten für Einsätze in Ländern der sogenannten Dritten Welt nutzen, eine Bonner Kinderärztin, die jedes Jahr für ein paar Wochen in indischen Slums arbeitet. Sie tut das auch, weil sie das glücklich macht, sagt sie. Weil sie da einen tiefen Sinn in ihrer Arbeit spürt. Also: Nicht jeder, der sich für Gerechtigkeit einsetzt, leidet doch.

Nun steht allerdings in unserem Predigttext nicht einfach, dass da irgendein frommer Mensch am Ende seines Lebens elend stirbt. Wenn der Prediger in unserem Text von einem Gerechten redet, dann meint er einen, der vor Gott gerecht ist. Auf Hebräisch steht da „Zaddik“. Und als Zaddikim werden bis zum heutigen Tage Menschen bezeichnet, die in besonderer Weise ihren Glauben bewähren. Und zu den Gerechten, den Zaddikim wird nur einer gezählt, der für seinen Glauben leidet oder sogar stirbt.

Eine jüdische Legende[i] erzählt, dass es in jeder Generation der Menschheit 36 solcher Zaddikim, 36 solcher Gerechten gibt, um derentwillen Gott die Welt trotz ihrer Sündhaftigkeit nicht untergehen lässt. Diese Gerechten stehen also mit ihrem Glauben dafür ein, dass Gott die Welt nicht untergehen lässt. Und sie sind namenlos, niemand erkennt sie als Gerechte, niemand weiß also auch, ob sie arm oder reich sind, gebildet oder ungebildet, in welchem Land sie leben. Unter den Wasserträgern sollen sie zu finden sein, hat man in den jüdischen Schtettl erzählt – also unter den ganz Armen. Aber ja nicht nur da. Egal wo, ohne ihren selbstlosen Einsatz für das Leben anderer wäre die Welt längst untergegangen, längst zerstört. Die Sechsunddreißig treten nur selten in Erscheinung – besonders in Notlagen, wenn Juden in Gefahr sind. Dann soll ein Zaddik Gottes Auftrag erfüllen und die Seinen mit einer plötzlichen Wundertat retten. Anschließend soll er aber gleich wieder verschwinden, damit ihn niemand identifiziert.

Es sind und bleiben übrigens immer 36. Sobald einer stirbt, wird ein weiterer Gerechter geboren. Was diese Legende sagen will: Es gibt zu allen Zeiten und überall auf der Welt Menschen, die so sehr nach dem Willen Gottes fragen und in ihm Leben, dass sie die Kraft haben, dafür alles andere aufs Spiel zu setzen. Aber das sind eben nur ganz wenige. Was sind 36 im Verhältnis zur Weltbevölkerung?

Diese Gerechten nehmen dann aber auch um des Glaubens willen tatsächlich immer Leid, Verfolgung, Gewalt und Tod auf sich. In unserer christlichen Tradition würden wir zu solchen Gerechten vielleicht Dietrich Bonhoeffer zählen, oder Franz von Assisi oder Martin Luther King.

Wenn wir unseren Text aber mit diesem Wissen lesen, dann können wir ihn anders verstehen und einordnen. Dann sagt unser Text nämlich: Es ist nicht weise, diese Glaubensvorbilder zum Maßstab für den eigenen Glauben zu machen. Das führt in die Selbstgerechtigkeit. Das führt dahin, immer nur die eigene Unvollkommenheit und die der anderen zu sehen, die eigene Schlechtigkeit und die der anderen – und damit kann man sich tatsächlich zugrunde richten. Das hat nicht nur Martin Luther erlebt in seinem verzweifelten Bemühen, ein so guter Mensch zu werden, dass Gott ihm nichts Böses vorwerfen könnte. Es gibt auch in unseren christlichen Gemeinden immer wieder Menschen, die tragen diesen Anspruch vor sich her: Ich bin besonders gut und fromm. Meistens wirken sie nicht besonders fröhlich dabei. Meistens machen sie sich und andere unglücklich. Ich denke, davon redet der weise Prediger hier.

Das heißt für ihn aber auch nicht, überhaupt nicht nach Gottes Willen und nach Recht und Gerechtigkeit zu fragen. Das führt in den Tod, sagt er – und damit meint er wohl nicht das körperliche Sterben, sondern das seelische Absterben, die innere Einsamkeit, das Erleben, von allen zwar respektiert zu werden, aber auch von allen gehasst zu werden, keine Freunde zu haben, keine wirklichen Perspektiven… ich glaube, das muss ich nicht weiter ausführen, wir könnten uns noch vieles dazu denken.

Aber – und das scheint mir wichtig: So wenig wir zu den vollkommenen und leidenden Gerechten gehören – gehören können auch – so wenig gehören wir auch zu den totalen Gottlosen und Bösewichten. Wenn ich unseren Text richtig verstehe, dann will uns der Prediger sagen: es gehört das Beides zu uns. Das Gerechte und das Ungerechte. Das Böse und das Gute. 

Und damit möchte ich jetzt noch einmal auf die Eingangsfrage unseres Glaubens zurückkommen: Wie kann es einen Gott geben, wenn er die ganze Ungerechtigkeit dieser Welt zulässt? Der Prediger verortet die Antwort auf diese Frage nicht bei Gott und auch nicht in der Welt, sondern im Menschen. In uns selbst. Wir sind es, wir alle, die gerecht und gottlos zugleich sind. Das Beides. Es gehört zu unserem Mensch sein. (Wir könnten jetzt wieder fragen, warum hat Gott uns Menschen so geschaffen – die Antwort der Bibel wäre dann, wir Menschen haben es uns selbst so gewählt mit unserer Sehnsucht, sein zu wollen, wie Gott, unseren Verstand zu gebrauchen, vorwärts zu kommen, aber das wäre ein Thema für eine eigene Predigt). Wir müssen damit leben, dass wir als Menschen das eine wie das andere in uns tragen, das eine oder das andere stärker entwickeln, nicht nur als Einzelne, sondern auch als die gesellschaftlichen Gruppen, die Familien, in denen wir als Einzelne leben. Wenn wir nach den Verantwortlichkeiten für die Ungerechtigkeit in dieser Welt fragen, dann müssen wir, wenn wir unseren Predigttext ernst nehmen, also auch und erst einmal nach unseren Anteilen daran fragen.

Unserem Verbrauch von fossilen Rohstoffen etwa, zum Beispiel für unseren Straßenverkehr. Nehmen wir das mal als ein Beispiel. Und machen wir uns nichts vor – mit E-Autos wird das nicht anders werden. Da haben wir zwar weniger Abgase, aber die Bedingungen, unter denen die seltenen Erden für die Akkus der E-Autos geschürft werden, die sind ebenso menschenverachtend, wie der Kampf um fossile Brennstoffe – er fordert genau so viele Opfer, nur eben anderswo. Da gibt es dann Kriege um die Rohstoffe, Stellvertreterkriege, da werden Menschen ausgebeutet, da gibt es Armut und Not – und wenn Gott dann eingreifen würde, um diese Not zu wenden – wo sollte er anfangen? Er würde auch uns treffen. Nicht an erster Stelle vielleicht, aber auch wohl nicht an letzter. Das machen wir uns oft nicht klar, wenn wir so fragen.

Vom Prediger können wir lernen: Wir leben als Menschen in dieser Welt mit ihren schönen Seiten und ihren Schattenseiten, und wir selbst leben als Menschen mit unseren guten Seiten und unseren Schattenseiten und beides hat Einfluss auf das Leben in dieser Welt und in unserer Gesellschaft.

Und was heißt dann Glauben? Es sind zwei Dinge. Zum einen ist es, und das ist für den Prediger als Glied des Alten Gottesvolkes ganz zentral: Wir bleiben an die Gebote Gottes gebunden. Gott will nicht das Unrecht. Er will nicht, dass wir uns auf Kosten anderer groß machen. Er will keinen Krieg, er will nicht, dass wir einander ausbeuten, uns die Lebensgrundlagen stehlen, uns um unseren Besitz beneiden, falsche Tatsachen verbreiten, auf Kosten der alten und jungen Generationen leben. All das sagen die zehn Gebote. Und dass wir sie nicht immer alle halten können, heißt nicht, dass sie für uns unerheblich wären. Fröhlich, im Vertrauen auf Gottes guten Willen für die Welt und die Menschen können wir das uns Mögliche tun und uns an kleinen Erfolgen freuen.

Und das letzte, das ist für den Prediger als Glied des Alten Gottesvolkes und für uns als Christinnen und Christen gleichermaßen wichtig: Gott lädt uns ein, in allem und trotz allem ihm zu vertrauen. Er ist da in dieser so ungerechten Welt. Er sieht das Elend derer, die leiden und er weiß die Zeit, ihr Geschick zum Besseren zu wenden, amen.

 


] Entnommen aus der Online-Predigthilfe zum Sonntag Septuagesimä 2019

 

 

 

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